Eine der hรคufigsten Fehlannahmen in der Spezialitรคtenkaffee-Welt lautet:

โ€žDas Aroma von Kaffee entsteht durch die Fermentation.โ€œ

Das stimmt jedoch nur teilweise.

Die Fermentation kann beeinflussen, wie wir den Geschmack einer Tasse Kaffee wahrnehmen, sie erzeugt jedoch nicht die eigentliche Qualitรคt der Bohne. Um das zu verstehen, sollten wir zunรคchst betrachten, warum die Schleimschicht (Mucilage) รผberhaupt entfernt wird.

Was ist die Schleimschicht der Kaffeekirsche?

Nachdem die รคuรŸere Fruchtschale entfernt wurde, ist der Kaffeesamen noch von einer klebrigen Schleimschicht โ€“ der sogenannten Mucilage โ€“ umgeben.

Diese besteht hauptsรคchlich aus:

  • Wasser
  • Natรผrlichen Zuckern
  • Pektinen
  • Geringen Mengen an Mineralstoffen und anderen organischen Verbindungen

Die enthaltenen Zucker dienen Hefen und Bakterien wรคhrend der Fermentation als Nahrungsquelle.

Warum muss die Schleimschicht entfernt werden?

Viele Menschen glauben, dass die Fermentation ausschlieรŸlich dazu dient, den Kaffee aromatischer zu machen. Historisch und technisch gesehen ist das jedoch nicht der ursprรผngliche Zweck.

dried mucilage on coffee
Dried mucilage

Die Entfernung der Schleimschicht erfรผllt drei wichtige Aufgaben.

1. GleichmรครŸigeres und schnelleres Trocknen

Die Mucilage speichert groรŸe Mengen Wasser. Bleibt sie auf der Bohne, verlรคngert sich die Trocknungszeit erheblich. Dadurch steigt das Risiko von Schimmelbildung und ungleichmรครŸiger Restfeuchte โ€“ Faktoren, die sowohl die Lagerfรคhigkeit als auch den spรคteren Rรถstprozess negativ beeinflussen kรถnnen.

2. Eine unkontrollierte Fermentation verhindern

Die Zucker in der Schleimschicht sind ein idealer Nรคhrboden fรผr Hefen und Bakterien. Werden sie zu lange von Mikroorganismen umgesetzt, entstehen Ethanol, organische Sรคuren und zahlreiche weitere Stoffwechselprodukte. Ist dieser Prozess nicht kontrolliert, kรถnnen unerwรผnschte Fehlaromen auftreten, beispielsweise:

  • Essignoten
  • รœbermรครŸige alkoholische Noten
  • Gรคrige Sรคure
  • Muffige oder verdorbene Aromen

Die rechtzeitige Entfernung der Schleimschicht sorgt daher fรผr einen stabilen und kontrollierbaren Aufbereitungsprozess.

3. Die Bohnen im Washed Process reinigen

Beim Washed Process besteht der eigentliche Zweck der Fermentation darin, dass Enzyme und Mikroorganismen das Pektin der Schleimschicht abbauen. Dadurch lรถst sich die Mucilage von der Bohne und kann anschlieรŸend problemlos mit Wasser abgewaschen werden.

Mit anderen Worten:

Die Fermentation wurde ursprรผnglich eingefรผhrt, um die Bohnen zu reinigen โ€“ nicht, um auรŸergewรถhnliche Aromen zu erzeugen.

Erzeugt die Fermentation also das Aroma des Kaffees?

Die Antwort lautet: Ja โ€“ aber nicht so, wie viele denken. Wรคhrend der Fermentation entstehen verschiedene Stoffwechselprodukte, darunter:

  • Milchsรคure
  • Essigsรคure
  • Ethanol
  • Ester
  • Aldehyde

Ein Teil dieser Verbindungen oder ihrer Vorstufen kann die chemische Zusammensetzung der Bohne beeinflussen oder spรคter wรคhrend der Rรถstung zu neuen Aromastoffen beitragen.

Dadurch kรถnnen Kaffees beispielsweise Noten entwickeln von:

  • reifen Frรผchten
  • Wein
  • Joghurt
  • tropischen Frรผchten
  • einer intensiver wahrgenommenen SรผรŸe

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Fermentation die eigentliche Qualitรคt der Bohne erschafft.

Was bestimmt den Grundcharakter eines Kaffees?

Bereits bevor die Kaffeekirsche geerntet wird, bildet der Samen den GroรŸteil der Verbindungen aus, die spรคter den Geschmack bestimmen. Zu den wichtigsten Faktoren gehรถren:

  • Die Kaffeesorte (Varietรคt)
  • Klima und Terroir
  • Anbauhรถhe
  • Der Reifegrad der Kaffeekirsche bei der Ernte
  • Die Entwicklung der Pflanze wรคhrend ihres Wachstums

Diese Faktoren bestimmen den charakteristischen Unterschied zwischen einem Kaffee aus ร„thiopien, Kolumbien oder Brasilien. Ist die Ausgangsqualitรคt der Bohne gering, kann selbst die ausgefeilteste Fermentation daraus keinen Spitzenkaffee machen.

Fermentation ist wie ein Gewรผrz. Ein einfaches Beispiel ist ein Apfel. Ein guter Apfel besitzt bereits von Natur aus SรผรŸe und ein angenehmes Aroma. Wird daraus Apfelsaft hergestellt und anschlieรŸend vergoren, entstehen zusรคtzliche Noten von Alkohol, Estern und Sรคuren. Der eigentliche Charakter stammt jedoch weiterhin vom Apfel selbst. Mit Kaffee verhรคlt es sich รคhnlich. Die Fermentation kann die Art verรคndern, wie sich ein Kaffee prรคsentiert, sie kann jedoch keine Eigenschaften erschaffen, die im Rohkaffee nie vorhanden waren.

Fazit

Die Fermentation ist ein wichtiger Bestandteil der Kaffeeaufbereitung โ€“ ihre Rolle wird jedoch hรคufig รผberschรคtzt.

Beim Washed Process dient sie in erster Linie dazu, die Schleimschicht abzubauen, damit die Bohnen gereinigt und anschlieรŸend gleichmรครŸig getrocknet werden kรถnnen. Diese Aufbereitungsmethode gilt als eine der einfachsten Methoden, die Eigenschaften und die Qualitรคt eines Kaffees hervorzuheben. Warum? Das werden wir gemeinsam in einem anderen Beitrag herausfinden.

Gleichzeitig kรถnnen die biologischen Prozesse wรคhrend der Fermentation zusรคtzliche sensorische Nuancen hervorbringen. Die grundlegende Qualitรคt und der Charakter eines Kaffees entstehen jedoch bereits lange vorher โ€“ durch die Sorte, das Terroir, das Klima und den Reifegrad der Kaffeekirsche.

Deshalb lรคsst sich die Rolle der Fermentation wohl am treffendsten so zusammenfassen:

Fermentation schafft keine Kaffeequalitรคt โ€“ sie verรคndert lediglich, wie die bereits vorhandene Qualitรคt einer Bohne zum Ausdruck kommt. Genau deshalb beginnt Spezialitรคtenkaffee immer mit auรŸergewรถhnlich gutem Rohkaffee โ€“ und nicht mit einer spektakulรคren Fermentation.


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